Friendstalk: Eine verrückte Nacht

Friendstalk

„Ich war letzte Nacht bei D.“

„Und, ist endlich was passiert?“ Ich sah ihr im Gesicht an, dass sie die Frage verneinen würde. Oder es war nicht gut. Aber ich hätte es ihr gewünscht. Die Sache mit ihr und D. läuft schon seit Jahren. Und nun sind beide endlich mal zeitgleich Single.

„Nein. Nichts. Wir haben in einem Bett geschlafen, er war nackt, ich nur halb, aber gelaufen ist nichts.“

„Warte, was?“ Ich starrte sie verdutzt an. Das waren definitiv zu wenig Informationen. 

Sie lachte. „Ja, okay, das klingt verwirrend.“

„Gut, dann erzählst du mir jetzt bitte alles in Ruhe. Aber wir bestellen erstmal.“

Ich war unheimlich neugierig auf diese Geschichte. Wir bestellten unseren üblichen Latte Macchiato und teilten uns einen Käsekuchen. Als die Kellnerin wieder weg war, fuhr sie fort.

„Also. Ich bin zu ihm gefahren. Aber er hat vorher schon mit ein paar Andeutungen relativ klar gemacht, dass da nichts läuft.“

„Warte, halt. Warum? Müsste er nicht eigentlich Luftsprüge gemacht haben, als er erfuhr, dass du wieder Single bist?“

„Offenbar nicht. Keine Ahnung. Ich hatte jedenfalls schon gehofft, dass da endlich mal was passiert….also dass er es zumindest versucht und mich küsst.“

Sie wünschte sich seit sie ihn das erste Mal gesehen hat, dass er sie küsst. Aber dass noch nicht mal das passiert ist, wunderte mich auch sehr. Er war verliebt in sie. Vor ein paar Jahren zumindest.

„Er hat schon ein wenig geflirtet und machte Anspielungen auf unsere gemeinsame Zeit damals…aber sagte auch Dinge wie „soweit muss man es ja nicht kommen lassen“, als ich auf die Abfuhr von damals anspielte.“ Mit Abfuhr meinte sie, dass sie ihn versucht hat zu küssen, er aber abblockte, weil er in einer Beziehung war. Dass beide währenddessen nackt waren, die ganze Sache von ihm aus ging und er sogar sagte, er hätte gerne Sex mit ihr, entschuldigt ihren Versuch allerdings meiner Meinung nach.

„Klingt, als wollte er sich nur freundschaftlich treffen.“ Ich war etwas skeptisch.

Die Kellnerin brachte unsere heißen Getränke und lächelte, als sie uns das eine Stück Kuchen und die zwei Gabeln hinstellte.

„Ja, ganz genau. Ich fuhr also hin, wir unterhielten uns und er wusste, dass mein Zug um 21 Uhr fährt. Naja, ich bin nicht gefahren und habe mal wieder völlig ungeplant bei ihm geschlafen. Wie früher.“ Insgesamt schlief sie zwei Mal bei ihm. Beide Male tatsächlich auch ungeplant. Einmal alleine auf der Couch. Das andere Mal mit ihm zusammen auf der Couch. Angezogen. Zumindest halbwegs.

„Er bot mir das Bett an und wollte auf der Couch schlafen. Wie immer also. Wir sind dann noch zu einem Aussichtspunkt gelaufen. Das war unheimlich romantisch da oben. Aber wie immer hielt er Abstand… Ich schrieb also bereits ab, dass da irgendwas laufen wird. Und er sagte auch um mich zu beruhigen, er hätte sowieso nichts da…“

„Wart ihr nüchtern?“

„Nein. Er trank Bier, mir hat er so ein Mischgetränk gekauft… und als wir dann bei ihm waren, gab er mir Wodka und trank weiter Bier.“

„Also hatte er doch vor, das etwas lief.“

„Keine Ahnung….er hielt ja auch weiter brav Abstand. Er kam mir nicht zu Nahe. Irgendwie kamen wir auf das Thema Flaschendrehen und ich erwähnte, dass ich das noch nie gespielt hatte.“

„Oje, so langsam ahne ich wieso er nackt war und du nur so halb.“ Ich lachte. Ich hatte ein leichtes Deja-Vu.

„Jap. Du liegst richtig. Ich hatte gehofft, dadurch küsst er mich endlich. Aber wir spielten die Strip-Variante. Ich hatte meine Unterwäsche noch komplett an. Als er dran war, das letzte Teil auszuziehen sagte ich, er müsse nicht. Ich hätte ja eh schon gewonnen. Er pustete die Kerze aus und tat es trotzdem. Ich hab nichts gesehen und auch nicht hingeguckt. Wie damals auch…“

Mit damals meint sie, die Nacht, in der beide zusammen auf der Couch schliefen… Sie hatten getrunken und irgendwann schlug er ein Spiel vor. Orpheus & Eurydike. (Kleiner Mythen-Exkurs: Eurydike war die Braut von Orpheus, starb allerdings kurz vor der Hochzeit durch einen Schlangenbiss. Orpheus stieg in die Unterwelt, um durch seinen Gesang den Gott Hades zu bewegen, ihm seine Geliebte zurückzugeben. Seine Kunst war so groß, dass ihm seine Bitte tatsächlich gewährt wurde – jedoch unter der von Hades und Persephone gestellten Bedingung, dass er beim Aufstieg in die Oberwelt vorangehen und sich nicht nach ihr umschauen dürfe. Da er die Schritte der Eurydike nicht hörte, sah er sich um und sie verschwand wieder in der Unterwelt.) Beide zogen sich aus. Beide zogen Augenbinden an. Rücken an Rücken. Nackt. Und derjenige, der sich zuerst nicht mehr beherrschten konnte, hatte verloren. Aber beide waren zu stur, als dass einer nachgab. Irgendwann gingen sie aufs Sofa…und nahmen die Augenbinden ab. Es war trotzdem dunkel. Sie meinte, man hat nicht viel gesehen. Die ganze Sache endete mit dem gescheiterten Kussversuch und als er sagte, er könne es einfach nicht… was durchaus verständlich ist in Anbetracht seines damaligen Beziehungsstatus. Nur warum er es überhaupt so weit hat kommen lassen, ist eine andere Geschichte.

„Die Situation war komisch. Er sagte er müsse sich sehr zusammenreißen, nichts zu machen, weil er wüsste, er könne dann nicht aufhören. Und er hatte ja keine Kondome da…“

„Ich wusste gar nicht, dass man zum Küssen ein Kondom braucht.“

„Er fragte auch, was ich denn – außer Sex natürlich – als zweitliebstes mache. Aber irgendwelche Anstalten sich mir doch anzunähern hat er nicht gemacht. Wir lagen noch ein bisschen so da und haben geredet und als es dann ums ins Bett gehen ging sagte er, er würde auf der Couch schlafen, weil er sich selbst nicht traut. Aber ich hab ihn dann überzeugt, dass das scheiße wäre mich jetzt alleine schlafen zu lassen.“

„Hat er sich auch im Bett nicht angenähert?“

„Nein. Ich hab dann in einem Pullover von ihm geschlafen, ohne Hose. Das hat ihn glaube ich ein wenig verrückt gemacht. Wir hatten auch zwei Decken… Ich habe aber so gefroren, dass ich ihn dazu gebracht habe, unter meine zu kommen und mich zu wärmen.“

„Also habt ihr gekuschelt?“

„Ja, aber er hat trotzdem versucht weiter Abstand zu halten… Er ist auch sehr schnell eingeschlafen. Hat dann aber im Schlaf meine Hand genommen…das war schon irgendwie süß.“ Sie lächelte. „Ich war auch kurz davor ihn zu küssen. Die Gelegenheit war da, aber ich hatte zu große Angst, dass er es nicht mitbekommt weil er ja schon geschlafen hat oder ich erneut eine Abfuhr kassiere…“

„Und am nächsten Morgen? Habt ihr darüber gesprochen?“

„Nein…er war dann auch relativ schnell wieder unter seiner Decke nachts. Ich hab ja kaum ein Auge zu gemacht…“ Sie konnte noch nie gut woanders schlafen. Nicht mal bei mir. Vermutlich wäre es doch besser gewesen, wenn sie alleine im Bett geschlafen hätte. „Wir haben dann ganz normal den Morgen zusammen verbracht, unsere Nacht war kein Thema. Ich verstehe einfach nicht, wieso er mich nicht geküsst hat. Entweder Sex oder es läuft nichts, oder was. Das regt mich ja irgendwie ein wenig auf…“ Sie starrte ein wenig gedankenverloren in ihr halb leeres Latte Macchiato Glas.

„Das kann ich verstehen. Hättest du denn mit ihm geschlafen?“

„Nein.“, sie wurde auf einmal kleinlaut und schaute ein wenig beschämt.

„Okay, Moment. Warum regst du dich dann dadrüber auf?“

„Fast ein ganzes Jahr lang lag dieser verdammte Kuss in der Luft. Und jetzt wo wir endlich dürfen, tut er es nicht! Damals hätte ich mit ihm geschlafen!“

„Dir geht es also ums Prinzip? Weil wenn du jetzt nicht mit ihm schlafen willst, dann ist da ja von deiner Seite aus nichts.“

„Naja… du weißt, wie gerne ich ihn damals geküsst hätte. Und ich verstehe es halt einfach auch nicht.“ Ja, sowas fuchst sie. Sie muss das Verhalten nachvollziehen können, um damit klar zu kommen. Was natürlich kontraproduktiv ist, da Männer ihre Beweggründe oft nicht mitteilen.

„Triffst du dich wieder mit ihm?“

„Ich weiß es nicht….ich will ja nicht mit ihm schlafen. Und nur aus Prinzip wie du sagst werde ich das auch nicht tun. Ich vermute halt, wenn es ein nächstes Mal gibt, dass da dann ganz sicher keine fehlende Verhütung als Grund vorhanden sein wird.“ Und sie war ja so schlecht im „nein“ sagen…

„Dann lass es besser. Oder stell vorher klar, dass da nichts laufen wird. Er ist ja keiner, der dann irgendwas ausnutzt.“

„Nein, das ganz sicher nicht. Obwohl mich sein Verhalten schon irgendwie irritiert…“

„Das beschäftigt dich jetzt, oder?“, ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen.

„Ach weißt du, ich denke das Treffen jetzt war gut. Jetzt spukt er mir ganz sicher nicht mehr im Kopf herum.“

Ich bin mir nicht sicher, ob sie ihre Worte selbst so ganz glaubte. Aber was soll sie machen – die Zeit zurückdrehen geht nunmal nicht. Manchmal muss man akzeptieren, dass Dinge sich geändert haben. Auch, wenn es schwer fällt.

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