Warum ich gerne alleine bin: Introvertiert sein für Anfänger

Introvertierte Menschen haben es in unserer Gesellschaft einfach nicht leicht. Warum? Weil introvertiert sein oftmals mit Einsamkeit und Anderssein assoziiert wird. Ganz ehrlich? Das ist totaler Quatsch. Ja, introvertierte Menschen sind gerne alleine. Ja, einige sind auch schüchtern und meiden größere Menschenmassen, haben wenige Freunde und ziehen sich gerne zurück. Aber diese Tatsachen mit Einsamkeit gleichzusetzen, oder diese Menschen als „unsozial“ oder „merkwürdig“ zu betiteln, ist schlichtweg nicht fair.

Ich bin gerne alleine

Ich für meinen Teil bin unfassbar gerne alleine. Und das war schon immer so. Ich habe am liebsten alleine meine Hausaufgaben erledigt, habe gerne alleine gegessen, habe mich freiwillig in meinem Zimmer verkrochen, statt auf Parties zu gehen und habe auch Mittagspausen am liebsten alleine verbracht. Das habe ich mir – meistens – völlig selbst ausgesucht. Ich saß nicht alleine in der Mittagspause, weil ich keine Freunde hatte oder mich die Leute mieden, sondern weil ich es so wollte. Ich wurde zu den Parties eingeladen, bin aber nicht erschienen, weil ich lieber den Abend für mich verbringen wollte. Ja, manchmal manövriert man sich damit selbst zum Außenseiter. Denn nach der dritten Party-Absage, wird man eben nicht mehr eingeladen. Dann ist das so. Denn die Entscheidung lag meist bei mir selbst. Ich war also nicht „einsam und alleine zuhause“, sondern war glücklich und – vor allen Dingen – bewusst mit mir alleine.

Ich genieße es, im Bett zu liegen und Musik zu hören. Oder mich auf den Balkon zu setzen und ein Buch zu lesen. Oder auch mir mehrere Folgen einer Serie anzuschauen – ganz für mich allein. Habe ich die Wahl zwischen einem Abend im Club mit Freundinnen, oder einem guten Film alleine zuhause, dann nehme ich in fast allen Fällen letzteres. Und Einladungen überdenke ich erstmal in Ruhe und gleiche sie mit meinem Terminkalender ab, um zu schauen, dass nicht zu viel auf einmal stattfindet in einer Woche. Habe ich mal drei oder vier Tage hintereinander abends etwas vor, stresst mich das. Es ist mir einfach zu viel Interaktion, zu viel Stress, zu viel außerhalb meiner Komfortzone. Introvertierte Menschen sind nicht zwangsläufig einsam. Einsamkeit sucht man sich meist nicht aus. Alleinsein schon.

Einmal Akkus aufladen, bitte!

Der Grund für die viele Zeit alleine ist, dass ich nur so meine Akkus wieder aufladen kann. Introvertierte Menschen stresst es ungemein, unter Menschen zu sein. Es kann schön sein, klar. Es macht auch Spaß etwas zu unternehmen und wir genießen es. Aber danach sind die Energiereserven einfach aufgebraucht. Und genau dieser Akku macht meiner Meinung nach den Unterschied zwischen einem extrovertierten und einem introvertierten Menschen aus. Extrovertierten Menschen macht es nichts aus, sieben Tage die Woche unterwegs zu sein. Sie sind vielleicht etwas müde und erschöpft, aber mehr nicht. Ihre Akkus entladen sich nicht, wenn sie mit Menschen zusammen sind, wenn sie 3 Stunden in einem vollen Zug verbringen, wenn sie stundenlang in einer Bar mit Freunden sitzen. Sie genießen es sogar. Manche Menschen laden sogar genau so ihre Akkus auf. Genau hier liegt der Unterschied, zwischen einem extrovertierten und einem Introvertierten Menschen: „Extro“ = von Außen. „Intro“ = Von Innen. Extrovertierte Menschen nehmen ihre Energie von Außen, durch äußere Einflüsse. Introvertierte Menschen verlieren dabei enorm an Energie. Und diese Energie müssen sie erst wieder aufladen. Und das geht nur alleine. Alleine mit einem guten Buch, alleine mit Musik im Bett, alleine in der Badewanne. Das ist von Mensch zu Mensch verschieden, aber der wichtigste Punkt hierbei ist, dass man alleine ist. Ganz alleine. Keiner um einen herum, keiner im Nebenraum, keine anderen Menschen. Nicht jeder Introvertierte brauch gleich viel Zeit, seine Akkus wieder aufzuladen, oder verliert gleich schnell Energie, bei Aktivitäten unter Menschen. Das ist individuell, wie der Mensch selbst.

Das soll nicht heißen, dass wir es nicht genießen, mal unterwegs zu sein oder Zeit mit anderen Menschen zu verbringen. Das ist nicht wahr. Es kann auch großen Spaß machen. Aber dennoch entladen sich unsere Akkus in dieser Zeit. Sind diese voll geladen, ist auch eine Partynacht kein Problem. Am nächsten Morgen dann aber mit den Mädels noch gemeinsam frühstücken – das ist too much.

Introvertiert sein im Beruf

In der Arbeitswelt ist dies natürlich auch nicht gerade einfach. In fast jedem Beruf wird Teamfähigkeit verlangt, der Austausch unter Kollegen, hier eine Präsentation, dort ein Teammeeting. Und – das Horrorszenario für Introvertierte: Das Großraumbüro. Und dann soll man sich noch rechtfertigen, warum man nach 8 Stunden keinen After-Work-Drink mehr mit den Kollegen einnehmen will. Wie „unsozial“.

Introvertierten Menschen nimmt dies unheimlich viel Energie. Deshalb bin ich so gerne Selbstständig. Ich arbeite für mich alleine. Zwar oft auch mit anderen zusammen, aber nicht persönlich. Und wenn, dann nur wenige Stunden. Die meiste Zeit bin ich auf mich selbst gestellt, kann mir meinen Arbeitsort aussuchen und die Zeit frei einteilen. Sind meine Akkus gerade leer, lade ich sie wieder auf. Ich muss nicht bis zum Feierabend um 17:00 Uhr warten, sondern mache es, wenn es nötig ist. Und dann arbeite ich weiter.

Das erfordert viel Organisation, Selbstdisziplin und Kampf gegen die eigenen Selbstzweifel, aber es kann funktionieren. So liefere ich bessere Arbeit ab und schleppe mich nicht mit 1%-Akku vom Büro nach Hause, sondern halte ein gewisses (gesundes) Akku-Level den Tag über.

Studien haben mittlerweile bewiesen, dass Introvertierte meist die besseren Chefs sind. Einfach Grund: Empathie. Einfühlungsvermögen. Verständnis. Wir können uns viel besser in andere Menschen hineinversetzen, nehmen mehr wahr, lesen zwischen den Zeilen, können gut zuhören und sehen den Menschen selbst. Wir bekommen viele Kleinigkeiten mit, sehen oftmals auch die Trauer hinter einem Lächeln und nehmen Dinge anders wahr. Es hat also auch durchaus Vorteile, introvertiert zu sein, sowohl im Job, als auch im privaten Bereich.

„Schatz, ich brauch eine Auszeit!“ – Introvertiert sein in der Beziehung

Auch innerhalb einer Beziehung haben es introvertierte Menschen nicht einfach. Vom Partner wird viel Verständnis benötigt und auch Einfühlungsvermögen. So sehr wir den Menschen an unserer Seite auch lieben, ihn vermissen, wenn er nicht bei uns ist und seine Nähe schätzen – der Akku leert sich. Bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Je vertrauter man mit der anderen Person ist, desto langsamer verlieren wir Energie. Vertrautheit, Routine und Liebe geben auch uns Introvertierten oftmals Kraft, sodass uns gemeinsame Zeit mit dem Partner nicht so viel Energie zieht, wie mit anderen Menschen. Manchmal gibt uns auch das Zusammensein und die Nähe Energie.

Aber gerade am Anfang einer Beziehung beispielsweise, wo noch alles neu und frisch ist, entzieht dies einiges an Energie. Und hier kommen wir zum Hauptproblem: In uns entsteht ein Zwiespalt. Wir wollen den anderen Menschen sehen, vermissen ihn und wollen ihm so nah wie möglich sein. Gleichzeitig benötigen wir aber auch Zeit für uns alleine, zum Akkus aufladen. Ein schmaler Grad, denn tun wir dies nicht und vernachlässigen wir unsere schwindende Energie, tut uns das nicht gut.

Bei mir ist es beispielsweise so, dass ich dann schlechte Laune bekomme, traurig, oder – im Schlimmsten Fall – zickig werde und das eventuell auch an meinem Partner auslasse. Klassische Symptome bei mir für fehlende Ich-Zeit. Hier ist es wichtig, das klar zu kommunizieren. Wir brauchen Zeit ALLEINE, keine Auszeit vom Partner. Natürlich, de facto ist es eine Auszeit vom Partner. Aber nicht, weil wir Abstand von ihm brauchen, sondern Zeit für uns. So schön es auch ist in seinen Armen zu liegen (und auch das kann Energie geben), richtig aufladen tun wir eben nur alleine. Mir reicht hier z.B. meistens bereits eine halbe Stunde aus, wo ich einfach nur alleine bin, ohne Menschen um mich herum. Und je mehr Zeit am Stück miteinander verbracht wird, desto öfter. Bei einem zwei-wöchigen Urlaub brauchte ich z.B. eher jeden Tag mal etwas Zeit für mich, als bei einem ganzen Wochenende. Das verhält sich – bei mir zumindest – proportional zur Dauer der gemeinsamen Zeit. Habt ihr einen Partner, der das versteht und euch diese kleine Auszeit gibt, ist das gold wert. Nicht nur für euch, sondern auch für die gesamte Beziehung. Ich bin danach meist wie ausgewechselt. Der Akku ist wieder einigermaßen geladen und meine Energie kann ich dann natürlich auch wieder in meinen Partner stecken. Ein Win-Win-Situation sozusagen.

Aus Erfahrung kann ich sagen, dass dies zu größeren Problemen führen kann. Ein Partner der dies nicht versteht und euch dabei nicht unterstützt, wird euch auf Dauer nicht glücklich machen. Sicher, ihr könnt ihn einfach unter einem Vorwand mal wegschicken, oder es immer und immer wieder erklären. Aber auch das entzieht Energie, vor allem beim hundertsten „rechtfertigen“, warum ihr gerade mal eine Stunde Ruhe wollt. Habt ihr allerdings einen Partner der euch hilft und euch freiwillig hin und wieder eure Auszeit gibt, oder sogar selbst davon profitiert, dann könnt ihr euch wirklich glücklich schätzen!

„Lieber eine Handvoll echt Freunde, als viele Falsche.“

Das war schon immer meine Devise. Als ich vor ein paar Monaten nach Mainz zog, habe ich viele neue Leute kennengelernt. Ich war die ersten drei Wochen ständig unterwegs. Es war schön. Aber ich habe schnell gemerkt, dass mich das auch ungemein gestresst hat. Ich hatte fast täglich etwas vor. Es war einfach zu viel. Deshalb habe ich angefangen, mich zurück zu ziehen. Dadurch wurden auch die Leute automatisch weniger, denn hierbei sieht man gut, wer ehrlich an einer Freundschaft interessiert ist, und wer nicht. Und die Menschen die übrig geblieben sind, die verstehen, dass ich heute Abend keine Zeit habe, weil ich alleine sein möchte. Weil es ich brauche. Die werfen mir nicht vor, ich hätte nur keine Lust auf sie. Bei denen muss ich mir keine Ausreden einfallen lassen, weshalb ich (schon wieder) keine Zeit habe. Und so sollte es auch sein.

Eine Eigenschaft, kein Problem

Jemand, der sich gerne zurückzieht, in größeren Gruppen eher leise ist, weil alleine das Zuhören und die eigenen Gedanken erst einmal alle verarbeitet werden müssen, oder jemand, der lieber für sich alleine arbeitet als mit anderen zusammen, geht in unserer leider viel zu lauten Gesellschaft unter. Man ist unsozial, schüchtern, merkwürdig. Man hat ein schlechtes Gewissen, wenn man lieber nach Hause geht, als noch mit den Kollegen was trinken. Oder man fühlt sich unwohl, weil man in einer etwas größeren Gruppe nicht viel sagt.

Bin ich komisch, weil ich lieber alleine bin, als mit anderen Leuten zusammen? Warum zehrt es so an mir, stundenlang unter vielen Menschen zu sein? Bin ich für den Job einfach nur ungeeignet, weil es mir so schwer fällt, produktiv zu sein? Liebe ich ihn vielleicht nicht wirklich, wenn ich es schon drei Tage am Stück mit ihm nicht aushalte? Mögen mich die Anderen jetzt nicht, weil ich so wenig sage?

Diese und viele weitere Fragen stellen sich introvertierte Menschen leider viel zu oft. Vielleicht ist an manchen Dingen auch etwas dran. Aber im Endeffekt ist jeder Mensch unterschiedlich. Auch Introvertierte kann – und sollte – man nicht über einen Kamm scheren. Ich für meinen Teil habe akzeptiert, dass dies eine Eigenschaft von mir ist. Ich kann und will sie auch nicht ändern. Ich habe es versucht, aber das hat mich am Ende mehr Kraft gekostet, als einfach zu lernen, dies zu akzeptieren. Introvertiert sein ist etwas anderes, als schüchtern sein. Ja, ich bin auch schüchtern. Dennoch sind das nochmal zwei völlig verschiedene Dinge. Ich halte es nun mal nicht mehrere Tage am Stück mit jemandem aus, ohne Zeit für mich alleine, egal wie ich zu dieser Person stehe. Ich rede nicht viel in größeren Gruppen, höre lieber zu, beantworte Fragen, anstatt welche zu stellen. Das heißt nicht, dass ich mich nicht wohl fühle, sondern nur, dass ich lieber beobachte und zuhöre. Ich verabrede mich nur maximal zweimal pro Woche, weil es mir sonst zu viel ist. Ich möchte nur eine Handvoll Freunde haben, um mich richtig auf diese konzentrieren zu können. Ich fühle mich nicht wohl, unter zu vielen fremden Menschen, das stresst mich. Das ist nunmal so. Wer das nicht akzeptiert, der akzeptiert mich nicht und den brauche ich dann auch nicht in meinem Leben.

Don’t be scared to walk alone. Don’t be scared to to like it. – John Mayer

Amy Schumer hat das Wichtige nochmal kurz und knapp zusammengefasst: „Wenn man wirklich introvertiert ist, sind andere Menschen in erste Linie Energievampire. Man hasst sie nicht, man muss sich nur gut überlegen, wann man sich ihnen aussetzt – es ist wie mit der Sonne. Sie ist lebenswichtig, das schon, aber sie kann dich auch verbrennen.“

Wer sich intensiver mit dem Thema Introvertiertheit beschäftigen möchte, dem lege ich das Buch *„Still: die Kraft der Introvertierten”, von Susan Cain ans Herz.

Tipps mit dem Umgang von Introvertierten:

  • Schreiben, nicht Anrufen!
  • Verstehen, dass selbst wenns gestern schön war und wir Spaß hatten, wir heute nicht schon wieder mit euch abhängen wollen!
  • Wir brauchen mehr als 10 Minuten, um uns mental auf ein Treffen vorzubereiten. Je mehr Vorbereitungszeit, desto besser!
  • Wir gehen vielleicht früher nach Hause. Versteht das!
  • Verurteilt uns nicht, nur weil wir gerade in uns gekehrt sind. Wir brauchen das. Und wir sind dann auch nicht automatisch traurig, oder deprimiert.
  • Fragt uns nach unseren Gedanken. Von selbst werden wir sie meist nicht äußern.
  • Lieber ein ernstes Gespräch, als stundenlanger Small-Talk.
  • Keine großen Menschenmengen.
  • Wenn ihr uns kennenlernen wollt, dann One-to-One, nicht in einer größeren Gruppe.
  • Keine unangekündigten Spontanbesuche!
  • „Erzähl mir von dir“ oder „Erzähl mir etwas“ – einer der schlimmsten Sätze für Introvertierte. Lieber konkrete Fragen, Anregungen zum Denken, oder selbst etwas erzählen.


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6 Kommentare zu „Warum ich gerne alleine bin: Introvertiert sein für Anfänger

  1. Sehr gut geschrieben! Genauso geht es mir! Ich war auch schon immer gerne allein. Aber vieles ist einem nicht direkt bewusst. Jetzt weiß ich warum ich Zugfahrten nicht mag! Viele Grüße, Michael

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