Untitled Story #1

Traurig schlürfte Sonja nach Hause. Sie fühlte sich so elend wie lange nicht mehr. „Jetzt weiß ich wenigstens woran es liegt“, dachte sie sich. Sascha, ihr Schwarm seit der 6. Klasse, konnte sie sich nun abschminken. „Ich wusste es, wie konnte ich dumme Kuh nur jemals glauben, dass er auf eine wie mich stehen könnte?“ Sie kämpfte gegen die Tränen an.

Schnell rannte sie die letzten Meter bis zu ihrer Haustüre, schloss sie auf und schlich sich leise in ihr Zimmer, damit ihre Mutter sie nicht bemerkte. „Die will nur wieder dass ich etwas esse.“, dachte sich Sonja. Aber das konnte sie nicht. Ihr war schlecht und sie würde nie wieder etwas runter kriegen. Sie betrachtete sich im Spiegel, zog an ihrer Jeans rum, hob das Oberteil etwas an und verzog angewidert das Gesicht: „So eine fette Kuh will keiner haben.“, sagte sie und machte sich – wie immer nach der Schule – auf den Weg ins Badezimmer. Sie musste es los werden, sich wieder besser fühlen und etwas für ihr Ziel tun, schließlich hatte sie ein ganzes Brot gegessen in der Schule. Den Rest konnte sie zwar an die anderen Schüler verteilen, aber Mona, ihre beste Freundin, wurde langsam misstrauisch und so aß sie ihr Käsebrot brav auf. Jeden Bissen quälte sie sich hinunter und kaute ihn sorgfältig. „Das setzt alles an meiner Hüfte an.“, dachte sie sich. Aber Mona achtete akribisch darauf, dass sie auch ihr ganzes Brot aufaß. Zufrieden ging sie nach der Pause wieder zurück ins Klassenzimmer, Arm in Arm mit Sonja, damit diese auch nicht auf die Idee kam, wieder vor dem Unterricht auf die Toilette zu gehen. „Mist, mist, mist“. Sonja hatte das Gefühl, sie nahm durch dieses Brot drei Kilogramm zu. Das musste sie nun loswerden. Sie drehte das Wasser auf und kniete sich auf ihren gewohnten Platz vor die Toilette.

Als es endlich vorbei war putzte sie sich die Zähne und fühlte sich gleich viel besser. Natürlich hatte ihre Mutter nun mitbekommen, dass sie zuhause war. „Ich habe unterwegs mit Mona eine Portion Pommes gegessen.“, log Sonja. „Wirklich?“ „Ja, deshalb kam ich ja etwas später als sonst. Ihre Mutter schaute auf die Uhr. „Hmm, nun gut. Falls du noch etwas haben möchtest, es steht alles im Kühlschrank.“ „Ja danke, ich werde bestimmt gleich wenn du weg bist noch etwas essen.“ Beruhigt ging ihre Mutter wieder in die Küche und Sonja verzog sich in ihr Zimmer. Der Nachmittag ging seinen gewohnten Gang, ihre Mutter fuhr einkaufen, während Sonja das für sie vorbereitete Essen sorgsam in eine Mülltüte aus ihrem Geheimvorrat in der Schreibtischschublade schüttete, sie zuknotete und draußen in den großen Container schmiss. Anfangs fiel Sonjas Mutter der hohe Verbrauch an Mülltüten auf, aber sie lernte schnell und so kaufte Sonja sich ihre eigenen und versteckte sie in ihrem Zimmer. Das Geschirr spülte sie rasch, stellte einen sauberen Teller und eine Gabel mit auf die Ablage und sah bereits das zufriedene Gesicht ihrer Mutter vor sich. „Vor den Abendessen kann ich mich bestimmt auch wieder drücken.“, dachte Sonja nach und überlegte sich erneut eine Ausrede.

Das Telefon klingelte, es war Mona. Sie wusste, dass sie sie nur kontrollieren wollte und nahm nicht ab. Mona führte dauernd Kontrollanrufe durch, ebenso wie ihre Mutter. Nachdem sie letzten Monat aus der Klinik entlassen wurde sind beide unheimlich besorgt um Sonja, dass sie einen Rückfall haben könnte. Dabei spielte sie der Ärztin damals so gut vor, über den Berg zu sein, warum glaubten Mama und Mona das nur nicht? Sie durften auf keinen Fall hinter Sonjas Geheimnis kommen. Dabei sagten sie doch selber oft genug, dass Sonja abnehmen müsste. Als ob beide nicht wüssten, dass sie sie hören konnte bei diesem Gespräch. Sascha sagte das gleiche heute zu ihr: „Hey Sonja, Mona hat mir erzählt dass du nicht mehr abnimmst, warum eigentlich nicht? Bist du zu beschäftigt?“ Sie antwortete nicht. „Okay, geht mich ja nichts an. Mich würde nur interessieren, ob du es für mich tun würdest…“ Sonja staunte nicht schlecht: „Ähm, ja, vielleicht.“, stammelte sie. „Schön.“, sagte Sascha und lächelte sie an. Voller Panik machte sie sich auf den Heimweg.

„Ich muss noch mehr Kilos verlieren!“ Sonja schrieb wie immer nach der Schule in ihr Tagebuch. Sorgfältig trug sie ihr heutiges Gewicht in die gezeichnete Tabelle ein. „50,2 kg“ schrieb sie und ihr stiegen die Tränen in die Augen. „Er wird mich nie wollen so fett wie ich bin.“, schluchzte sie. Vor der Zeit in der Klinik waren es noch 47,4 kg. Ganze drei Kilo musste sie zunehmen damit sie sie entließen. Das Ganze ist nun vier Wochen her und seitdem verlor sie nur 200 Gramm. „Das ist alles nur wegen Mona und Mama. Wenn die mir nicht dauernd etwas zu Essen geben würden, dann wäre ich endlich schlank.“ Sie steigerte sich immer weiter in ihren Wahn hinein, als plötzlich ihr Handy klingelte. Eine unbekannte Nummer, ob es wieder Mona ist? Sonja traute sich nicht ranzugehen. Mona merkte immer sofort wenn ihre beste Freundin geweint hatte. „Düdüm“. Sonja bekam eine SMS. Auf einmal fing ihr Herz an zu rasen, sie wurde ganz nervös. Mit zittrigen Händen öffnete sie die Nachricht: „Hey Sonja, du hast doch versprochen abzunehmen. Geh bitte ran, ich würde dich gerne auf ein Date einladen 😉 LG Sascha“

Plötzlich dämmerte es Sonja. „Abnehmen. Telefon. Rangehen.“ Ihre Gedanken überschlugen sich. Hatten Mama und Mona das etwa auch gemeint? Sonja war ein Schussel was das Handy anging, entweder sie drückte aus Versehen den roten Knopf oder hatte es wieder einmal auf lautlos gestellt, sodass sie das Klingeln nicht hörte früher. Seit ihrem Klinikaufenthalt ging sie absichtlich nicht ran, um sich den kontrollierenden Fragen zu entziehen. „Ich nehme nie ab…“, murmelte Sonja. „Das sagen wir dir doch immer, Kind.“ Sonja schreckte zusammen. Ihre Mutter stand in der Tür. „Da hast du schon ein Handy und trotzdem erreicht man dich nie. Hier, ich habe dir ein Stück Kuchen mitgebracht.“ Sie stellte den Teller auf Sonjas Schreibtisch und ging wieder aus dem Zimmer.

Plötzlich leuchtete ihr Handy, sie bekam erneut eine SMS von Sascha. „Ich rufe dich in 5 Minuten an, wehe du nimmst nicht ab :-)“ Sie lächelte und schob sich eine Gabel voll Kuchen in den Mund. „Mmmh, schmeckt der gut.“ Sie aß gedankenverloren das ganze Stück Kuchen auf und fühlte sich kein bisschen schlecht dabei. 5 Minuten später nahm sie ab…

 

Titelbild: RyanMcGuire (Pixabay)

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