Ein schmaler Grat … #metoo

Der Hashtag #metoo geht zur Zeit um die ganze Welt. Immer mehr Frauen berichten öffentlich von ihren Erfahrungen zu dem Thema sexueller Belästigung und Vergewaltigung. Ein Tabuthema, dass nun gebrochen wird. Auch ich erzähle euch heute von meinen Erfahrungen mit diesem heiklen Thema und breche mein Schweigen. 

Der verrückte Sommer

Es geschah im verrückten Sommer 2014. Es war das Jahr der Freiheit, ich genoss mein Single-Leben, ging viel aus, traf mich mit einigen Männern, hatte tolle Dates und fühlte mich großartig. Begehrenswert, gutaussehend und frei. Nach einer längeren Beziehung wollte ich mich einfach austoben. Das klingt jetzt nuttiger, als es war. Ich datete hauptsächlich, stieg mit den meisten aber nicht ins Bett. Doch nach meiner schmerzhaften Trennung und einer noch viel schlimmeren Beziehung brauchte ich dringend Bestätigung. Ich brauchte jemanden, der mir zeigte, dass ich toll war. Die Trennung zog sich ein ganzes Jahr. Das bedeutete allerdings auch, dass ich ein Jahr lang keinen Sex hatte. Also verabredete ich mich mit jemanden genau dafür. Nicht explizit, aber es lag schon auf der Hand. Ein Blind Date. Und ich wusste, dass ich dort übernachten würde. Und er auch. Wir verbrachten einen tollen Abend zusammen, lernten uns kennen, sprachen über viele Dinge, wir hatten einiges gemeinsam und er legte es überhaupt nicht auf Sex an. Bis es immer später wurde und die Frage aufkam, ob ich nun nach Hause fahre, oder nicht. Ich entschied mich, mit zu ihm zu gehen. Wir verbrachten eine tolle Nacht zusammen und einen fast noch besseren Vormittag. Dann ging ich. Und er versprach, sich zu melden.

Er meldete sich nicht. Erst nach einigen Wochen. Er entschuldigte sich, wollte mich wiedersehen. Aber ich wollte nicht. Wir blieben locker in Kontakt, ich datete andere Männer und hatte auch kein Interesse an ihm. Er war optisch so gar nicht mein Fall, aber diese eine Nacht brauchte ich. Er war toll zu mir, lieb, einfühlsam. Genau das, was ich brauchte. Wir sprachen viel über Sex, unser Leben, Pläne und Ziele des anderen. Ich fühlte mich geborgen bei ihm. Und nach dieser Nacht fühlte ich mich auch wieder wie ich selbst. Er gab mir all das, was mein Ex mir genommen hatte: Meine Selbstachtung, mein Selbstwertgefühl und meinen Stolz. Indem er mir das gab, manövrierte er sich gleichzeitig aber auch ins Aus. Er war nicht mein Typ und ich wollte mich nicht mehr auf Männer einlassen, an denen ich nunmal kein Interesse habe.

Ein dummer Fehler…

6 Monate später traf ich mich erneut mit ihm. Mir hatte gerade ein Mann wieder den Glauben an mich selbst genommen. Ich fühlte mich schlecht. Brauchte Aufmunterung. Er war da und hatte Interesse. Also traf ich mich mit ihm. Ich hatte bei unserem Date ein mulmiges Gefühl. Seine ohnehin schon beim letzten Mal geringe Attraktivität hatte er gänzlich für mich verloren. Wir unterhielten uns und als es in Richtung seiner Wohnung ging, sagte ich ihm, ich wolle eigentlich nicht mit. Mir geht es nicht so gut und ich würde mich nicht wohl fühlen. Er war einfühlsam und wir unterhielten uns draußen noch ein wenig. Bis leider keine Bahn mehr fuhr… also ging ich doch mit zu ihm hoch. Ich stellte klar, dass ich nicht mit ihm schlafen wollte. Ich erklärte es ihm auch. Er sagte, er fände es schade, aber akzeptiert es. Er hätte sowieso keine Kondome da, daher war es für ihn okay. Wir schauten einen Film zusammen und er versuchte einen Annäherungsversuch. Ich blockte anfangs ab, ließ mich aber dann doch küssen. Als er mehr wollte, sagte ich nein. Ich wollte bitte nur schlafen. Und das taten wir dann auch. Wir lagen nebeneinander in seinem Bett und schliefen.

„Nein, ich mag nicht!“

Bis ich morgens um ca. halb 5 aufwachte. Ich lag auf der Seite, er in Löffelchenposition hinter mir. Er versuchte in mich einzudringen. Ich lag wie erstarrt da. Ich flüstere „nein, ich mag nicht„. Aber ich tat nichts. Ich lies ihn machen. Er merkte, dass ich wach war. Für ihn war es also einvernehmlich. Ich sagte ja auch nichts.

Am nächsten Morgen musste er früh los. Er gab mir einen Kuss auf die Stirn und sagte, ich könnte ruhig ausschlafen und in seiner Wohnung bleiben. Als er aus der Tür raus war, zog ich mich sofort an und verlies diese Wohnung. Es war halb 7 morgens. Ich lief die zehn Minuten zur Bahn durch den lauen Sommermorgen. Ich schrieb ihm, dass ich gegangen war. Er wunderte sich, weshalb ich so plötzlich die Flucht ergriff. Ich sprach ihn auf das Geschehene an. Er sagte, er hatte Lust und ich wollte es doch auch. Ich hätte mitgemacht und war ja auch feucht. Er entschuldigte sich glaube ich auch. Ich wusste nicht so recht, wie mir geschah. Ich hatte etwas getan, was ich nicht wollte. Ich fühlte mich schlecht. Zuhause angekommen, ging ich erstmal duschen. Ich musste damit aufhören. Was auch immer ich da tat, es musste enden. Ich erwiderte Nachrichten von ihm kurz und knapp und brach irgendwann den Kontakt ab. Es dauerte weitere 2 Monate, bis ich ihn bei Facebook löschte. Ich wusste, dass er etwas unrechtes getan hatte.

Der schmale Grat…

Ich habe es bis heute nie als Vergewaltigung eingestuft. Der Gedanke kam mir, natürlich. Aber ich hatte mich nicht gewehrt. Ich war im Halbschlaf, aber ich bekam es mit. Ich sagte „nein„, aber auch nicht so vehement, wie ich es hätte machen sollen. Ich bin mir sicher, dass er dann aufgehört hätte. Er ist ein netter Mensch. Dachte ich zumindest. Und da es geklappt hat, schien es mir ja auch zu gefallen. Also hab ich es als mangelnde Willenskraft meinerseits eingestuft. Bis heute Mittag. Die Debatte #metoo läuft nun seit wenigen Wochen. Ich verfolge sie regelmäßig, lese immer mehr Blogbeiträge von Frauen, die über ihre Erfahrungen schreiben. Am Anfang dachte ich noch „Ich brauche kein #metoo zu posten„. Aber mit der Zeit, kamen mir Erinnerungen in den Kopf. Ich sagte doch „nein“ zu ihm. Ich sagte doch am Abend noch, dass ich nicht mit ihm schlafen will. Ich sagte es sogar im Bett noch. Und ich habe ihn sogar drum gebeten. Er wusste, dass ich nicht will. Gibt ihm das das Recht, mir im Schlaf einfach sein Ding reinzustecken? Nein! Ich fühle mich noch immer mitverantwortlich, weil ich es nicht unterbunden habe. Ich hatte keine Angst, dass er dann einfach weitermacht und es eine „richtige Vergewaltigung“ wird. Das ist also keine Ausrede, kein Argument für mein Nicht-Handeln. Für mich ist eine Vergewaltigung, wenn der Mann sich an der Frau vergreift, obwohl sie es nicht will und das auch deutlich sagt und hierbei noch Gewalt anwendet. (Umgekehrt natürlich auch) Und das war bei mir nicht der Fall. Ich sagte zwar „nein„, aber ich wehrte mich nicht. Die aktuellen Geschehnisse belehren mich eines besseren. Ich bezichtige ihn dennoch keiner Vergewaltigung. Es war keine böse Absicht von ihm. Dennoch hatte es ja einen Grund, wieso ich mich zurückzog, schnell aus dieser Wohnung raus wollte und ihn nicht wieder sehen wollte. Ich hatte sogar Angst, ihm zu begegnen. Ich mied seine Wohngegend, hatte immer wieder ein komisches Gefühl, wenn ich mit dem Bus an seinem Haus vorbei fuhr. Das, was in dieser Nacht geschah, war nicht okay. Es war gegen meinen Willen. Aber in meinen Augen dennoch keine Vergewaltigung.

Ja, ich verteidige ihn. Das macht das was er getan hat, dennoch nicht rechtens. Ihm ist vermutlich nicht bewusst, was er da tat. Ich machte ja mit. Der Grat ist schmal. Ich schlief ja schon mal mit ihm. Ich lies mich küssen vorher. Ich schlief mit ihm in einem Bett. Ich hätte auch ein Taxi nachhause nehmen können. Ich traf mich mit ihm. Ich hätte mich wehren können. Doch das tat ich nicht. Und genau deshalb, ist es in meinen Augen keine Vergewaltigung. Aber Unrecht.

Ich war naive 22. Heute würde ich es anders machen. Ich hätte mich nie mit ihm getroffen. Ich hatte ein ungutes Gefühl und ging dennoch mit zu ihm. Ich erwartete Verständnis von einem Mann, der nicht so oft eine Frau in sein Bett bekommt, mich bereits hatte und noch bei ihm schlief. Er dachte, es würde mir schon gefallen, trotz meinem „nein„, welches ja auch nur im Halbschlaf kam. Er hätte dieses „nein„, aber akzeptieren müssen. Das ist Fakt.

Im Nachhinein erklärt dieser Vorfall so manche nachfolgenden Ereignisse und Verhaltensweisen von mir. Ich habe es verdrängt. Ich habe auch einen viel leichteren Schlaf als früher. Ich wache bei jeder Berührung auf. Sobald mein Freund seinen Arm um mich legt nachts, wache ich davon auf. Das war früher nicht so. Vermutlich hängt das zusammen. Vermutlich sogar noch mit viel mehr Verhaltensweisen von mir.

#metoo

Die US-Schauspielerin Alyssa Milano forderte am 15.10.2017 Frauen auf Twitter auf, unter dem Hashtag #metoo ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Gewalt zu teilen. Anlass waren die zahlreichen Vorwürfe von Frauen, von Hollywood-Mogul Harvey Weinstein sexuell missbraucht worden zu sein. Seitdem explodiert dieser Hashtag nicht nur auf Twitter. Er löste zahlreiche Diskussionen aus. Männer fühlen sich angegriffen. Ab wann ist es sexuelle Belästigung, statt einem Kompliment? Ab wann hört der Spaß auf, und ein „nein“ bedeutet wirklich ein „nein“? Ich verstehe, dass sich einige Männer angegriffen fühlen und nicht mehr wissen, wo der Unterschied besteht. Viel zu viele Frauen sagen anfangs „nein“ und lassen es dann doch zu, haben Spaß und sogar den besten Sex ihres Lebens. Mir erging es ähnlich. Ich sagte auch oft „nein„, ließ es dann aber doch zu. Natürlich hatte ich dann auch Spaß an der Sache. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich eigentlich nicht wollte und es am Ende meinem Partner zuliebe getan habe. Heute würde ich dies nicht mehr tun. Aber mit Anfang 20 will man keinen Streit, den anderen nicht verärgern, blablabla. Blödsinn, denke ich heute. Ich will nicht. Basta! Und wenn er dann sauer ist, dann ist er ein Arschloch und verdient mich nicht.

Solltet ihr ebenfalls Erfahrungen mit diesem Thema haben, dann sprecht drüber. Es hilft. Der Hashtag gibt jeder Frau nun den Raum und die Möglichkeit dazu. Postet gerne den Link zu eurer Geschichte in die Kommentare!

2 Kommentare zu „Ein schmaler Grat … #metoo

  1. Wow… Danke für deinen Text! Es sind persönliche Schilderungen, die mich bewegt haben. Schilderungen, die mich erschütternd… . Danke. Mir ging es in den vergangenen Wochen ähnlich und letztendlich habe ich nach fünf Jahren über den Vorfall gesprochen. Trotzdem habe ich gemerkt, dass ich auch in meinem Text der Schilderung aus dem Weg gehe. Danke für deinen Mut..
    https://frauk.blog/2017/11/16/vor-dem-gerichtstermin-pruefe-ich-mein-erscheinungsbild-metoo/

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