Fieber.

Manchmal wünschte ich, ich hätte Fieber.
Dann würden die Menschen sehen, wie es mir geht.
Sie würden sagen „Du arme, leg dich ins Bett, du musst dich auskurieren.
Sie würden sagen „Ich verstehe, dass es dir schlecht geht. Es ist okay.
Sie würden sagen „Du hast hohe Temperatur, kein Wunder, dass es dir nicht gut geht.
Aber das tun sie nicht.
Weil ich kein Fieber habe.

Ich liege morgens im Bett. Der Wecker hat geklingelt. Ich fühle mich schwach und ausgelaugt.
Ich habe keine Energie. Ich fühle mich antriebslos. Ich bin traurig.
Ich bin nicht traurig über das Leben. Ich bin traurig, dass es mir schon wieder so geht.
Weil ich es nicht erklären kann. Ich kann nicht sagen „Ich habe Fieber, ich muss im Bett bleiben!„.
Das würden die Leute verstehen. Das würden die Leute akzeptieren.
Aber ich habe kein Fieber.

Was ich nicht sagen kann: „Ich habe Depressionen. Ich kann heute nicht.
Könnte ich das sagen, ginge es mir besser.
Ich liege morgens im Bett. Ich fühle mich schwach.
Mehr auf Grund der Tatsache, dass ich weiß, ich darf es nicht.
Ich darf es nicht, weil es immer noch in der Gesellschaft verpönt ist,
eine psychische Krankheit zu haben.
Weil man sich dann anhören darf: „Ich hab auch manchmal schlechte Tage, da muss man halt durch!“ oder „Ich bin heute auch sehr müde!“ oder „Traurig sein ist doch keine Krankheit!„.
Es ist so viel mehr als das.

Manchmal wünschte ich, ich hätte Fieber.
Und manchmal, ja ganz manchmal nur, wünschte ich, ich hätte etwas schlimmeres.
Keine Krankheit, die die Leute nicht sehen können.
Nicht verstehen können.
Nicht akzeptieren.

Aber manchmal bin ich auch genau darum froh.
Ich bin alleine mit meiner Krankheit.
Keiner verurteilt mich dafür.
Ich kämpfe mich alleine da durch.
Tue so, als ginge es mir gut.
Obwohl ich innerlich zerbreche.
Keiner starrt mich an.
Keiner bemitleidet mich.
Keiner kommt mit guten Ratschlägen um die Ecke.
Wie bei Fieber.

Ich habe eine chronische Krankheit. Sie kommt und geht.
Sie ist mal schlimmer, mal weniger schlimm.
Sie ist mal tagelang präsent, mal tagelang abwesend.
Aber sie ist gegenwärtig und ein Teil von mir.
Einen, den ich an die Hand nehmen und mit dem ich zusammen leben muss.
Alleine.

„Mir geht es gut. Ich bin nur müde.“ 
„Ich habe nur schlecht geschlafen.“
„Ich habe viel Stress zur Zeit.“

Alles Standardsätze, die zwar stimmen, aber niemals die ganze Wahrheit sind.
Sie sind die Wahrheit für andere. Nicht für mich.
Ich bin müde, weil mir gerade die Lebensenergie fehlt.
Ich habe schlecht geschlafen, weil meine Gedanken mich die ganze Nacht wachgehalten haben.
Ich habe viel Stress, weil ich ihn mir selbst mache, durch Selbstzweifel, Ängste und negative Gedanken.
Aber ich komme damit klar.
Alleine.
Ohne andere.
Weil ich mein Fieber selbst heile.

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