„Manchmal reicht Liebe einfach nicht aus!“ – Wahrheit oder Ausrede?

Seit klein auf machen uns Filme, Bücher und Serien Hoffnung auf die ganz ganz große Liebe. Männer und Frauen haben es schwer, es ist kompliziert, aber am Ende kommen sie doch immer wieder zusammen. Ein Betrug zählt nicht, der/die Ex-Partner zählt nicht, die ausstehende Scheidung zählt nicht, vorhandene Kinder zählen nicht. Denn am Ende zählt nur eins: Dass sie sich lieben. Schwachsinn aus Hollywood, oder ist da tatsächlich etwas wahres dran?

„Die Liebe ist langmütig und freundlich“

Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit.

1. Korinther 13,4–6

Jeder kennt ihn doch: Das Gedicht aus dem 1. Korinther. Es wird oft auf Hochzeiten vorgetragen. Aber mal ehrlich: Wem ist solch eine Liebe schon ma begegnet? Mir nicht. Ich kenne auch niemanden. Diese Liebe kennt man aus Filmen und Büchern.

Es scheint allerdings ein Teil unserer menschlichen Natur zu sein, die Liebe zu idealisieren. Doch genau darin liegt auch die Gefahr: Wir erschaffen unrealistische Erwartungen daran, was Liebe eigentlich ist und was sie für uns tun kann. Das wiederum sorgt oft für Schwierigkeiten innerhalb unserer Beziehungen.

Liebe allein reicht nicht immer

Meiner Meinung nach gibt es drei große Trugschlüsse in Bezug auf die Liebe, die ich hier mal revidiere:

  1. Liebe bedeutet nicht automatisch, dass man auch zusammenpasst!
  2. Manchmal muss man sich selbst auch über die Liebe stellen!
  3. Liebe allein löst keine Beziehungsprobleme!

Egal wie sehr man jemanden liebt: Tut dieser jemand einem nicht gut, sollte man es beenden. Egal wie groß die Gefühle für den anderen zur Zeit sind, wenn man keinerlei Gemeinsamkeiten hat, dann sollte man frühzeitig die Reißleine ziehen. Nur weil beide sich aufrichtig lieben, gehen davon die Probleme nicht einfach weg.

All You Need Is Love – Beatles

Auch die Beatles und noch viele viele andere Künstler preisen die Liebe als das Wichtigste an. Liebe ist wichtig. Aber sie ist nicht alles.

Liebe ist kein Garant dafür, dass man zusammenpasst

Wir wissen ja bereits: Sich zu verlieben ist etwas rein Emotionales. Da legen Herz und Hormone unser eigentlich sehr rational denkendes Gehirn lahm – und wir sind machtlos. Aber wenn irgendwann der Alltag eintritt, tauchen Probleme auf. Denn der Alltag verlangt auch nach Rationalität und logischem Denken.

Ein Beispiel.
Er: Sportfreak, extrovertiert und ist gern täglich auf Achse, Fußball-verrückt, verbringt 5 Tage in der Woche im Fitness-Studio, achtet auf gesunde Ernährung und ist sparsam.
Sie: Mode-Püppchen, liebt teure Klamotten und Restaurants, introvertiert und verbringt die Abende am liebsten zuhause, hat mit Sport nichts am Hut.

Ich habe bewusst ein Klischee-Beispiel verwendet, denn die aufkommenden Probleme sind hier sehr deutlich. Frisch verliebt und unzertrennlich geht er vermutlich anfangs nur noch dreimal in der Woche ins Fitness-Studio und lässt am Wochenende mal Fußball ausfallen. Sie verzichtet aufs shoppen und isst mit ihm selbstgekochtes, gesundes Essen und geht mit auf die ein oder andere Party.

Lässt die erste Verliebtheit nach und der Alltag tritt ein, wissen wir doch alle was kommt. Sie nörgelt, weil er täglich trainieren geht und am Wochenende auf Achse ist. Er findet sie langweilig, weil sie nichts unternimmt und wirft ihr vor, verschwenderisch zu sein, weil sie lieber auswärts isst.

Sicherlich lassen sich hier Kompromisse finden. Aber dass diese Beziehung auf Dauer funktioniert, ohne dass einem von beiden oder sogar beiden Partnern etwas wichtiges und Grundlegendes fehlt, ist unwahrscheinlich.

Sie lieben sich. Aufrichtig. Aber ihre Beziehung ist zum Scheitern verurteilt.

Bestes Serien-Beispiel: Barney & Robin.

Das Problem ist: Die Liebe fragt nicht nach, bevor wir uns verlieben. Der Liebe ist es egal, ob wir an jemanden geraten, der uns gar nicht zu schätzen weiß oder dessen Lebensstil einfach nicht zu unserem passt. Der andere Ziele, Vorstellungen oder Werte hat. Liebe allein ist blind.

Egoismus trotz Liebe

Hollywood-Klischee: Wenn man jemanden liebt, dann will man für ihn sterben.

Ist das so? Um jeden Preis? Muss man immer und immer wieder einstecken für den anderen? Seine eigenen Bedürfnisse ignorieren und in den Schatten stellen? Ja, manchmal. Aber nicht durchgehend. Das kann man mal in schwierigen Zeiten ein paar Monate machen. Aber irgendwann muss der Ausgleich erfolgen.

Natürlich muss man in einer Beziehung öfter mal über seinen eigenen Schatten springen und Kompromisse finden – das macht eine Beziehung ja auch aus. Aber es gibt Dinge, die man niemals, niemals, niemals opfern sollte: Würde, Selbstachtung, physische und psychische Gesundheit oder die eigenen Träume. Eine Beziehung sollte einen bereichern, sie sollte nichts wegnehmen, was einem wirklich wichtig ist. Schließlich ist man immer noch ein eigenständiger Mensch mit Bedürfnissen, Zielen und Wünschen.

Liebe überwindet alles?

Nein. Liebe überwindet keine Beziehungsprobleme. Liebe allein nicht. Sondern Wille, Geduld und Selbstentwicklung. Jeder muss bereits sind, an sich und an der Beziehung zu arbeiten und zu wachsen. Das erfordert Kraft, Disziplin und Nerven. Viele Nerven. Viele Streits. Aber auch viel Wissen über einen Selbst.

Liebe ist eine miese Begründung, wenn die Beziehung aus anderen Gründen Risse hat. Diese können durch Zeitmangel und Distanz entstehen, oder zum Beispiel aus mangelndem Vertrauen. Meiner Meinung nach geht Liebe und Vertrauen nicht miteinander einher. Man kann jemanden lieben, aber das Vertrauen kann aus bestimmten Gründen angeschlagen sein oder gar fehlen. Es liegt an den Personen selbst, dies zu erkennen und zu reparieren. Und zwar mit Aktion, nicht mit warten, weil man sich ja liebt und das bestimmt weggeht mit der Zeit.

Das beste Beispiel ist hier ein Vertrauensbruch. Man kann nicht drauf warten, dass es auf einmal wieder entsteht. Man muss etwas dafür tun. Und zwar beide. Die Person, die das Vertrauen missbraucht hat genauso, wie auch die Person, deren Vertrauen missbraucht wurde. Denn auch die kann sich selbst hinterfragen: Weshalb ist dies geschehen? Was trug ich selbst dazu bei?

Und manchmal bringt das alles nichts. Dann liebt man sich aufrichtig, aber ohne Vertrauen kann keine Beziehung halten. Und daher ist Liebe sicherlich keine Lösung für Beziehungsprobleme.

… oder nur eine Ausrede?

Gerade der Satz „Manchmal reicht Liebe einfach nicht aus!“, ist auch eine gelungene und willkommene Ausrede, nicht an der Beziehung zu arbeiten. Ich denke viele Menschen setzen ihre Beziehung frühzeitig in den Sand mit genau diesen Worten. Weil sie keine Kraft haben, zu kämpfen. Weil sie sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen wollen. Weil sie schlichtweg Angst haben. Und das ist auch okay. Aber nur wenn man den Mut und die Geduld aufbringt, an etwas zu arbeiten, kann Liebe auch Hindernisse überwinden. Grundvoraussetzung ist hier der Wille dazu. Und dieser entsteht meiner Meinung nach nur durch Liebe. Ist diese vorhanden, dann kann man auch den Willen und den Mut haben, an etwas zu arbeiten.


Liebe alleine reicht nicht aus, aber sie ist ein guter und wichtiger Anfang und Anreiz. Man hat etwas besonderes mit einem anderen Menschen. Dafür lohnt es sich doch zu kämpfen, oder nicht? Als Fundament ist Liebe wichtig. Aber nicht um jeden Preis. Das schwierige daran ist nur, zu erkennen, wann es denn besser ist, zu gehen.

 

Wie ist eure Meinung dazu? Kann Liebe alles überwinden? Wie sind eure Erfahrungen?

2 Kommentare zu „„Manchmal reicht Liebe einfach nicht aus!“ – Wahrheit oder Ausrede?

  1. Wunderbarer extrem langer Text. 😊 Respekt. Liebe ist das was bleibt. Über den Tod hinaus.
    Ich glaube, Liebe ist es dann, wenn du einfach weiter gehst, auch wenn du nicht mehr kannst. Wenn du bereit wärst dich jederzeit hinten anzustellen. Tun das beide wäre es natürlich optimal. Lg

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